Wie bringst du Menschen dazu, sich für eine bessere Welt zu engagieren? Etwa durch ein Buch??? Diese Frage umtreibt uns ja schon viele, viele Jahre. Unsere Antwort: wenn es ein Buch schaffen kann, dann ist es »Be a Rebel« von Victoria Müller. Es ist wirklich großartig: umfassend, sachlich, emotional, voller Geschichten, voller Ermutigung und voller motivierender Beispiele.
Wer ist Victoria Müller?
Victoria Müller ist Antifaschistin, Veganerin, Feministin, Moderatorin und Autorin. Wer die ersten Seiten ihres neuen Buches liest oder ein bisschen im Netz stöbert, wundert sich erst und bewundert sie dann: sie studiert, bloggt, podcastet, moderiert, versorgt 180K Insta-Follower*innen mit Neuigkeiten, hat den ddao Tierschutz e. V. gegründet, ist im Tierschutz aktiv und kämpft für Tierrechte, ist Botschafterin der Deutschen Depressionshilfe (und hat über ihre Depression ein Bestseller geschrieben), renoviert in Brandenburg ein altes Pfarrhaus, um dort einen Lebenshof einzurichten und hat nun auch noch ein Buch geschrieben mit dem Titel »Be a Rebel«.
Aber sie macht nicht nur viel. Sie mutet sich auch viel zu. Zum Beispiel geht sie in Massentieranlagen, um über die dortigen Missstände aufzuklären und Tiere zu befreien. Sich immer wieder mit den schrecklichen Zuständen dort zu konfrontieren, finde ich schon extrem mutig und stark. Darüber hinaus fährt sie mit ihrem Verein aber auch noch in die Ukraine, an die Front, in Kriegsgebiete, um verlassene und zum Teil verletzte Tiere aufzulesen und nach Kyiv ins Tierheim oder nach Deutschland zu bringen. Das sichert ihr meine ganze Bewunderung. »Die psychische Belastung meines Aktivismus ist sehr hoch, Krieg ist nicht nur eine Gefahr für Leib und Leben, es ist auch psychisch sehr herausfordernd«, erklärt sie in einem Interview mit Watson.
Wo fang ich an? Der Mythos der Nutzlosigkeit
Okay, wer sich nun mit Victoria Müller vergleicht, denkt vielleicht: »Oh, wow – beeindruckend. Würde ich auch gerne machen. Aber ich kann das nicht«. Denn auf der einen Seite ist die Liste an Missständen echt lang: Klimakatastrophe, Artensterben, Krieg, Rechtsruck, Massentierhaltung, Rassismus und, und, und … »Wo soll ich da bloß anfangen?« Auf der anderen Seite ist der Alltag ohnehin so voll: Arbeit, Familie, Nachbarschaft, Freunde, Hobbys, Urlaub … »Wo soll sich da auch noch Zeit für das Engagement für eine bessere Welt finden?« Und: »Bringt das denn überhaupt etwas?«
Wenn du solche oder ähnliche Gedanken hast: bitte lies dieses Buch. Victoria Müller beschreibt darin nicht nur, wie sie selbst zum Aktivismus kam (auch sie ist mit kleinen Dingen eingestiegen – wie etwa der Teilnahme an einer Demo – und hat ihre Aktivitäten nach und nach gesteigert). Sie räumt auch mit dem »Mythos der Nutzlosigkeit« auf und zählt auf, was Aktivist*innen bereits schon alles in unserer Welt bewirkt haben. Ohne sie gäbe es keine Demokratie, keinen 8-Stunden-Tag, kein Frauenwahlrecht und Homosexualität wäre immer noch strafbar – um nur einige wenige Dinge zu nennen, die wir den mutigen und engagierten Aktivist*innen vor uns verdanken.
Willst du nicht auch ein Teil der Bewegungen sein, die dafür sorgen, dass die Generationen nach uns in einer mindestens ebenso freien, gesunden, friedlichen und schönen Welt leben wie wir – wenn nicht in einer besseren Welt? Kannst du dir vielleicht doch vorstellen, dass du mehr Handlungsspielraum hast, als dein innerer Schweinehund so meint? Womöglich geht es ja doch, dass du einen Abend in der Woche für ehrenamtliches Engagement oder politischen Aktivismus freischaufelst und die Sache dann auch tatsächlich langfristig durchziehst (denn ein langer Atem ist wichtig)?

Protest: Ja! Aber: wie?
Gut – jetzt, wo wir uns einig sind, dass wir alle etwas für eine bessere Welt tun können und sollten, schließt sich natürlich unmittelbar die Frage an: was sollen wir tun? Und auch hier bietet das Buch von Victoria Müller einen super Überblick. Nichts ist aus ihrer Sicht zu gering: Clicktivism? Besser als sein Ruf. Denn er kann wichtigen Themen eine Reichweite verschaffen und für viele Menschen ein Einstieg in die tiefere Auseinandersetzung sein. »Bewegungen wie Occupy Wall Street, Black Lives Matter und #MeToo haben durch Clicktivism Aufmerksamkeit gewonnen«, meint Victoria Müller in dem bereits erwähnten Interview.
Bewusst konsumieren? Wenn es nach Victoria Müller geht, eine wunderbare Möglichkeit. Allein die Vielfalt an veganen, Bio- und Fair-Trade-Produkten ist mittlerweile so groß, dass dies die Verbindung von politischem Engagement und Alltagsleben einfach macht. Auch das allein wird aber nicht reichen, das ist klar. Überdies muss du immer genau schauen, ob es hier wirklich um eine gute Sache geht. Denn so manches Unternehmen hängt sich an eine soziale Bewegung – wie die für Klimagerechtigkeit, Veganismus oder Feminismus et cetera – dran. Es will durch Green-, Pink- oder Wokewashing einfach nur den Absatz seiner Produkte steigern.
Auch ehrenamtliches Engagement ist laut Victoria Müller extrem nützlich. Im Unterschied zum politischen Aktivismus bist du hier aber nicht Teil einer sozialen Bewegung. Beispiel: Wenn du einmal die Woche in ein Tierheim gehst, um mit Hunden Gassi zu gehen oder Katzen zu streicheln ist das ehrenamtliches Engagement. Wenn du zu einer Demo für Tierrechte gehst, einen Infostand zu dem Thema betreust oder Spendengelder für eine entsprechende Organisation einsammelst, bist du politisch aktiv – du setzt dich dafür ein, dass sich grundlegend etwas ändert (in diesem Beispiel die Tierrechte).
Legal, illegal, scheißegal?
Kommen wir zu einem Thema, das immer wieder die Gemüter erhitzt und die Gesprächsrunden spaltet: Wie sieht es mit zivilem Ungehorsam, mit »radikalen« Aktionen aus? Victoria Müller positioniert sich hier eindeutig: Das alles sind wichtige Mittel im Engagement für eine bessere Welt. Klug und sachlich argumentiert sie:
1. Ziviler Ungehorsam ist notwendig, wenn die Gesetzgebung Missstände nicht verhindert oder gar ermöglicht. Wenn Gesetze für moralisches Unrecht sorgen, so Victoria Müller, dann ist dies zwar illegal, aber legitim. Ein Beispiel mit zeitlichem Abstand macht das leicht deutlich: Die Sklaverei war früher legal. Aber definitiv nicht legitim. Menschen, die gegen die damaligen Gesetze handelten, taten also das moralisch richtige.
2. Vermeintlich radikale Aktionen erweitern den gesellschaftlichen Handlungsspielraum. So führen manche Aktionen von Ende Gelände oder der Letzten Generation dazu, dass das Schuleschwänzen der Fridays-for-Future-Aktivist*innen ziemlich moderat erscheint. Bei der breiten Bevölkerung beliebt zu sein, ist aus ihrer Sicht daher auch nicht immer der entscheidende Punkt. Unbeliebt zu sein kann man schon mal in Kauf nehmen, wenn sich dadurch die gesellschaftliche Debatte um wichtige Themen dreht und ihre Bedeutung erkannt wird.
Victoria Müller über Activist Burnout
Einen letzten Punkt möchte ich aus Victoria Müllers Buch noch aufgreifen: Die Frage nämlich, wie man Aktivismus langfristig aushält. Stichwort »Activist Burnout« – also Burnout von Aktivist*innen. Dieser ist gar nicht so selten, wie manche vielleicht denken. Denn einerseits gehen sie oft über ihre Grenzen – immerhin sind ihre Anliegen ja wirklich wichtig. Andererseits müssen sie immer auch mit all dem Schrecklichen und dem Frust klarkommen, mit dem sie sich durch ihre Arbeit konfrontieren.
Das kennt auch Victoria Müller. In ihrem Buch erzählt sie, dass die Einsätze in der Ukraine etwa ihren Tribut verlangen. Sie sei nicht mehr so fröhlich und unbeschwert wie früher, sagt sie. Nach einem Einsatz habe sie sogar Panikattacken entwickelt. Deshalb merkt sie in ihrem Buch auch immer wieder an, wie wichtig Selbstfürsorge ist. Sie selbst setzt daher sorgfältig ihre Prioritäten. Das bedeutet auch, dass sie akzeptiert, dass sie nicht die ganze Welt retten kann. So viel sie auch zu tun scheint – sie selbst begrenzt ihre Aktivitäten ganz bewusst auf das, was ihr wirklich wichtig ist.
Ganz wichtig ist ihrer Meinung nach auch: das Positive im Blick behalten. Anstatt verzweifelt zu sein, weil sie hunderte von Tieren in einer Massentieranlage zurücklassen muss, macht sich Victoria Müller bewusst, dass sie das Leben einige Tiere aus der Ukraine retten konnte – und das diese Leben für diese Tiere alles ist.
Linktipp: Nachhaltiger Aktivismus Timo Luthmann ist Klimagerechtigkeitsaktivist der ersten Stunde. Er setzt sich unter dem Stichwort »Nachhaltiger Aktivismus« schon seit Jahren dafür ein, Aktivist*innen beim Thema Selbstfürsoge und Burnout-Prävention unter die Arme zu greifen und Wissen zu verbreiten. Ihr findet ein Interview mit ihm unter: https://www.fuereinebesserewelt.info/nachhaltiger-aktivismus/
Titel: Be a Rebel. Ermutigung zum Ungehorsam
Autorin: Victoria Müller
Verlag: Knauer
Umfang: rund 240 Seiten
Preis: 20 Euro (Hardcover)
Website von Viktoria Müller: https://www.naivundschlau.de
Klingt nach einem spannenden Buch. Danke für’s vorstellen ….