Filmtipp: Bonne Nuit Papa

Wie viel Nähe können wir Menschen zulassen? Wie viel Abtrennung können wir verkraften? Der Dokumentarfilm „Bonne Nuit Papa“ ist ein Plädoyer für die Liebe – und eine spannende Zeitgeschichte zwischen Kambodscha und der DDR.

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Seit 15 Jahren ist die Autorin und Filmemacherin Martina Kem auf der Suche nach ihren Wurzeln. Seit 15 Jahren versucht sie der Frage auf den Grund zu kommen: Warum schweigt ihr Vater über seine Familie, seine Wurzeln, seine Herkunft, sich selbst? Herausgekommen ist dabei ein unglaublich vielschichtiger und facettenreicher Dokumentarfilm, der in seiner philosophischen Dimension weit über die Tochter-Vater-Beziehung hinausgeht.

Zeitgeschichte zwischen DDR und Kambodscha

Durch die vielen Fotos, Dokumente, und Filmaufnahmen aus mehreren Jahrzehnten ist der Film auch ein Stück Zeitgeschichte. Wir tauchen ein in die Kindheit in der DDR. Wir erleben die tiefen Furchen, die die Roten Khmer in Kambodscha in den Familien und Menschen hinterlassen haben. Und wir erahnen wie stark die Verwerfungen sein können, die Diktatur und Wende im Leben eines Menschen hinterlassen können. Wir spüren, wie zu viele Abtrennungen und Abschiede einen Menschen verstummen lassen können.

Überwindung der Abtrennung

Der Film zeigt aber auch, wie Liebe und Familie diese Schmerzen, diese Wut, diesen Wunsch nach Rache überwinden können. Hier weitet der Blick über die Kulturgrenzen – Deutschland, Kambodscha – unsere Vorstellung von dem, was Gemeinschaft, was Familie bedeuten könnte. Wir erleben eine Familie, deren Mitglieder wie in einer Symbiose miteinander verbunden sind. Deren Schicksale sich einzeln ganz nicht denken lassen.

Wir erkennen, dass Nähe relativ ist – und dass Abtrennung schon mit einem Wort, einem Blick, einer Perspektive beginnen kann. Wir sehen die kambodschanische Großmutter, die außer sich vor Freude den Vater umarmt, als dieser nach über 30 Jahren das erste mal wieder in seine Heimat kommt. Und wir erleben einen Mann, der dieser emotionalen Wucht nichts bieten kann.

Öffne Dein Herz

Und wir fragen uns, was uns hier verloren ging – oder was wir vielleicht nie hatten. Und ob wir als Gesellschaft, als Kultur eine Geschichte wie die der Kambodschaner mit ebensolcher Großmut überwinden könnten. Sicher, dass ist nun vielleicht ein bisschen romantisiert. Dennoch: Dieser Dokumentarfilm ist mehr als eine Geschichte, ein Stück Zeitgeschichte, eine Reise. Er ist ein Appell an uns, Nähe, Mitmenschlichkeit, Verständnis, Liebe, Gemeinschaft zuzulassen. Den Mut zu haben. Es ist ein Film, der Herzen im wahrsten Sinne des Wortes öffnet.

Links zum Film

ilona

ist freie Jour­na­lis­tin, Publizistin, Projekt­ma­che­rin und Medienaktivistin. Seit über zehn Jahren schreibt sie Bücher, Blogposts, macht Podcasts, gibt Workshops und hält Vorträge. Zudem begleitet und berät sie öko-soziale Organisationen, Gemeinschaften, Künstler:innen, Kreative und Aktivist:innen bei der ganzheitlichen und nachhaltigen Planung und Kommunikation ihrer Projekte und Bücher.

2 Kommentare

  • Ich habe den Film gesehen. Ich war sehr gerührt und fühlte mich auch angesprochen.
    Ich könnte auch er gewesen sein, wenn ich das Glück nicht hätte, ein Filmteam, das Studio „H&S“ zu begleiten und mit ihm kurz nach 1979 zu arbeiten. Meine geliebte und inzwischen verstorbene Mutter, die ich in den Jahren sehen dürfte und konnte, sagte mir, es sei Kama, das Du akzeptieren musst. „Schaue immer nach vorn, mein Sohn. Deine Geschwister brauchen Dich“, sagte sie mir immer wieder.
    Wer sich mit Kambodscha verbunden fühlt, soll unbedingt den Film sehen.
    Er beschreibt sachlich jedoch volltreffend die Situation von Kambodscha und auch die Situation der ehemaligen Studenten in der DDR. Wir waren ideologisch, jedoch leider nur wenig herzlich erwünscht.

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